Ein großes Plakat am Straßenrand auf der Fahrt von unserem Hotel in Arusha ins nahe gelegene Ngaramtoni verkündet: “Yesu ni jibu la AIDS”, was heißen soll “Jesus ist die Antwort auf Aids”. Später erklärt uns der leitende Oberarzt des Selian Lutheran Hospitals, eines von der evangelisch-lutherischen Kirche in Tansania (ELCT) getragenen Krankenhauses, was dahinter steckt: “Die Jugendlichen in unserer Gemeinde wollen wir vor allem durch die Vermittlung christlicher Werte und life skills vor einer Ansteckung mit HIV schützen.” Das bedeutet, dass den 10-bis 14-jährigen jungen Christen im Konfirmanden-Unterricht vor allem eine Botschaft nahe gebracht wird: Kein Sex vor der Ehe. Aber ihnen wird auch beigebracht, wie sie ein Kondom benutzen, denn schließlich heiraten sie ja irgendwann auch einmal.
Auch gibt es da noch die Jugendzentren, die sich an Jugendliche außerhalb der Schule richten und die ELCT mit Unterstützung der DSW betreibt. Hier wird selbstverständlich über geschützten Sex gesprochen und Kondome gibt es auch, auch wenn die Kirche sich als Institution nicht offen dazu bekennt. Es scheint wirklich schwierig zu sein, eine Antwort auf Aids zu finden auf dem Weg zwischen Tradition und Moderne. Man merkt es dem Leitungsteam an, als sie unseren vielen Fragen Rede und Antwort stehen.
Trotz aller inneren Widersprüche ist das Krankenhaus bereits seit 1986 mit seinem Aids- Kontrollprogramm in der Region Arusha aktiv im Kampf gegen die Seuche. Es werden HIV-Tests angeboten, antiretrovirale Medikamente ausgegeben. Es gibt eine Ernährungsberatung und auch –versorgung für Aids-Kranke. Schwangeren werden Medikamente angeboten, die eine Übertragung des Virus von der Mutter auf das Baby verhindern, falls die Mutter HIV-positiv ist. Rukia (35) hat einen Test machen lassen, als sie mit ihrem fünften Kind schwanger war. Ihr Mann war schon seit geraumer Zeit ständig krank. Der Test fiel positiv aus.
Sie unternahm alles, um das Kind zu retten: nahm die Medikamente, ließ einen Kaiserschnitt machen, hat nur 3 Monate gestillt. Dann gab sie Sharlyne mit 6 Monaten zur Adoption frei. Sie hatte ja schon 4 Kinder zu versorgen. Ihr Mann starb bald darauf an Aids. Sie selbst bekam noch Hautkrebs dazu, die erste Chemotherapie hat ihr das Selian Hospital bezahlt, woher sie das Geld für die zweite nehmen soll weiß sie noch nicht. Neben ihrem Job als Gemüseverkäuferin arbeitet sie jetzt zwei Tage in der Woche als Aids-Beraterin im Krankenhaus: “Ich muss andere davon überzeugen, dass es sich lohnt einen Test zu machen und die Medikamente zu nehmen. Man kann mit Aids weiterleben, ich bin der beste Beweis”, sagt sie und lächelt dabei. “Viele Leute denken, dass man fett wird durch die Medikamente, aber das ist nicht wahr.”
Gegen solche und ähnliche Mythen und Gerüchte haben die Organisationen, die sich im Kampf gegen Aids einsetzen, auch in der Präventionsarbeit zu kämpfen. Als wir nachmittags in das Dorf Kikatiti weiterfahren, treffen wir dort Jugendliche, die von der tansanischen Familienplanungsorganisation zu Jugendberatern ausgebildet werden. John ist 21, sieht cool aus mit seinem gelben Poloshirt, in dessen oberen Knopf ein Kugelschreiber steckt. Er hat früher immer geglaubt, dass man von Sex abhängig wird, wenn man erst einmal anfängt. Das haben ihm seine Brüder erzählt.
Heute klärt er andere Jugendliche auf und erklärt ihnen, wie man sich schützen kann. Er selbst hat eine Freundin, aber geküsst haben sie sich noch nie und mit dem Sex wollen sie auch noch warten bis zur Ehe aus Angst vor Aids. Wo bleibt da die Liebe, denken wir erschrocken, oder ist das zu europäisch gedacht?
Als wir weiterfahren in ein nahe gelegenes Dorf, treffen wir auf den Youth Truck, das Jugendmobil der DSW, der gerade bei einem Jugendklub Station macht. Es wird ein Film gezeigt, die Geschichte von Joyce und KC. Die Geschichte einer Verführung, die mit einer Ansteckung endet, weil im entscheidenden Moment nicht über ungeschützten Sex gesprochen wurde. Es entspinnt sich eine rege Diskussion mit den Jugendlichen: Wie hätte ich mich verhalten? Was ist falsch, was richtig? Wo besteht Gefahr? Die Antwort, die sehr lautstark im Raum dominiert, ist: Stoppt ungeschützten Sex und nicht Abstinenz bis zur Ehe. Das geht an der Realität dieser jungen Männer und Frauen vorbei.
Catherina Hinz